Rechtsanwalt Bartholl Presseübersicht (43)

Auszug Beitrag/Artikel (43): Welt am Sonntag Nr. 22/2010, 27. Mai 2012, Seite 65 (Reise)

Wenn der Flieger nicht fliegt: Die Airline (KLM – Air France) muss aus technischen Gründen ein Flugzeug kurz vor dem Start wieder räumen. Jetzt wird’s ungemütlich. Unser Autor hat es am eigenen Leib erfahren.

Anwalt fuer Fluggastrechte

Panama-Stadt, Mittwochabend, 19.05 Uhr. KLM-Flug 758 nach Amsterdam verlässt Gate 23 des Tocumen International Airport Richtung Rollfeld. Wenig später stoppt die Maschine wieder. “Meine Damen und Herren, hier spricht Ihr Kapitän”, tönt es aus den Boxen in der Kabinendecke. “Leider haben wir heute Abend keine guten Nachrichten für Sie.” Man habe soeben gemerkt, dass der linke Motor nicht anspringt, und müsse nun zurück zum Gate fahren, um das Problem vom technischen Bodenpersonal untersuchen zu lassen. Dennoch bestehe die Chance, noch an diesem Abend loszufliegen. […]

“Hier spricht noch mal Ihr Kapitän. Leider haben die Mechaniker soeben festgestellt, dass unser linker Motor nicht mehr funktionstüchtig ist.” Folge: Ein neues Gerät muss erst aus Bogotá eingeflogen werden. Dann wird das Flugzeug geräumt und den Passagieren eine kostenlose Übernachtung versprochen. “Die pünktliche Durchführung unserer Flüge ist uns sehr wichtig”, sagt KLM-Deutschland-Sprecherin Julia Lange. “Jedoch hat die Sicherheit immer Vorrang, was bei jeder Airline manchmal zu Verzögerungen im Flugablauf führen kann.” In den meisten Fällen handelt es sich im internationalen Flugverkehr um Spannen von lediglich fünf bis 15 Minuten. Kommt wie in diesem Fall jedoch eine erhebliche Verspätung hinzu, werden die Zahlen schnell astronomisch. So belief sich die Wartezeit in der Statistik des Bundesverkehrsministeriums für das Jahr 2010 allein an deutschen Flughäfen auf insgesamt 1342 Tage. […]

  “Ganz ohne Chaos geht es fast nie”, sagt Jan Bartholl, Rechtsanwalt und Experte für Fluggastrechte. “Die Organisation von KLM scheint jedoch durchaus vorbildlich gewesen zu sein.” KLM-Sprecherin Lange: “Selbstverständlich halten wir uns, was die Versorgung der Passagiere vor Ort und mögliche Entschädigungen betrifft, an die Vorschriften der geltenden EU-Verordnung.” In der steht zwar nicht, dass es ein Fünf-Sterne-Hotel sein muss. “Für die Kostenübernahme von Übernachtung, Verpflegung und zwei Telefonaten oder E-Mails ist die Airline aber immer verantwortlich”, sagt Bartholl. Darüber hinaus steht den Fluggästen in diesem Fall auch noch eine Ausgleichszahlung zu: “Der Europäische Gerichtshof hat geurteilt, dass jeder Passagier bei der selbst verschuldeten Verspätung einer europäischen Fluggesellschaft von mindestens drei Stunden auf einem Langstreckenflug Anspruch auf 600 Euro hat.”  Diese Regelung gilt auch, wenn sich der Abflughafen außerhalb Europas befindet. Ausschlaggebend sind dann die Flugroute in die EU sowie der europäische Hauptsitz der Gesellschaft. Bei Mittelstrecken bis 3500 Kilometer gibt es 400 Euro Entschädigung, bei innereuropäischen Kurzstrecken bis 1500 Kilometer 250 Euro. Vom Urteil ausgenommen sind lediglich Wetterverhältnisse und andere Umstände, auf die eine Fluggesellschaft keinen direkten Einfluss hat. “Viele Airline Manager wehren sich mit Händen und Füßen gegen diese Zahlungspflicht”, sagt Bartholl, weshalb man bald neu verhandeln würde. Ein weiteres Urteil erwartet der Experte jedoch nicht vor 2013.

Am nächsten Morgen steht fest: Die Flugzeit ist 14 Uhr, der Transfer vom Hotel geht um 9.15 Uhr los. “Warum so früh?”, beschweren sich einige Passagiere. Die Antwort gibt es eine halbe Stunde später am Flughafen, als – wie am Vorabend im Hotel – alle Passagiere gleichzeitig einchecken wollen. Einige verlangen wegen der Strapazen ein kostenloses Upgrade, was den Prozess erheblich in die Länge zieht.

Zweieinhalb Stunden später haben alle Passagiere eingecheckt, einen Verzehrgutschein für den Flughafen in Höhe von 22 US-Dollar bekommen und warten am Gate 23 aufs Boarding. “Es ist ein komisches Gefühl, jetzt wieder in dasselbe Flugzeug zu steigen, das noch gestern Abend fluguntauglich war”, sagt Erik de Jong. Auf dem Weg zu seinem Platz begrüßt der Niederländer seine Sitznachbarn – schließlich kennt man sich bereits. […]

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